Der Hingucker

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter kennt wohl jeder Mensch, der sich ein klein wenig mit dem Christentum beschäftigt hat. Wenn ich damit bei meinen Jungscharkids aufschlage, dann werde ich in der Regel mit einem „Kennen wir schon“ konfrontiert. Wenn man dann mal genauer nachfragt hat der arme Samariter plötzlich dann Besuch von den drei Weisen aus dem Morgenland bekommen und musste mit Mose im Fischbauch übernachten. Kurz gesagt, es ist doch nicht alles so ganz bekannt. Aber wenn ich an mich als etwas fortgeschrittenen Christen denke, da ist die Geschichte doch wirklich auch so bekannt, wie sie von Jesus erzählt wurde. Doch ist auch der Inhalt immer so ganz klar? Was wollte Jesus damit eigentlich aussagen? Gibt es vielleicht trotz, dass ich es schon gefühlte tausendmal gehört habe etwas, was mein Leben inspiriert oder wo Gott etwas an mir verändern möchte? Eine Perspektive auf diese Geschichte habe ich mit „Der Hingucker“ überschrieben. Doch zuerst möchte ich einmal die Geschichte selbst erzählen, damit wir alle auf demselben Stand sind.

Eine Geschichte von Jesus welche in Lukas 10, 30-37 niedergeschrieben wurde. Um sie etwas besser verständlich zu machen habe ich versucht sie auf heute zu übertragen.
Es war einmal ein Juwelier, welcher mit der Bahn von München nach Berlin reiste. Als er dort auf dem Bahnhof ankam, war es schon sehr spät und er musste dringend auf die Toilette. Dort wurde er von zwei halbstarken überfallen und ausgeraubt. Sie nahmen ihm seinen Koffer mit dem Schmuck und sogar seinen Anzug weg. So blieb er in einer Ecke der Toilette blutüberströmt liegen. Kurz darauf kam ein Pfarrer zur Tür herein und sah den Mann liegen. Nach dem ersten Schreck drehte er sich schnell um und ging weiter. Das gleiche passierte kurz darauf mit einem Küster, welcher auch nachdem er den Mann bemerkte lieber eine andere Toilette aufsuchte. Doch dann kam ein Obdachloser zur Tür herein, der auf der Suche nach einem warmen Plätzchen war. Als er den Mann bemerkte ging er zu ihm hin und kümmerte sich um ihn. Dann lief er nach draußen um Hilfe zu holen. Nachdem die Polizei und der Rettungswagen da waren machte er sich leise aus dem Staub. Der Juwelier wurde gut versorgt und konnte wieder seinen Beruf ausüben. Den Obdachlosen hat er aber nie kennen gelernt, obwohl er ihn lange gesucht hatte.
Jesus hat diese Geschichte aus einem bestimmten Grund erzählt. Vorrausgegangen war eine Fangfrage mit der Jesus geprüft werden sollte. Es wird berichtet, dass ein Mann der sich in der damaligen Bibel (AT) sehr gut auskannte Jesus auf die Probe stellen wollte. Darum fragte er Jesus, „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?“ oder anders ausgedrückt, wie komme ich in den Himmel. Diese harmlose Frage war heimtückisch, denn der Mann kannte sich sehr gut aus. Hätte Jesus eine falsche Antwort gegeben wäre er als Lügner da gestanden und somit wäre auch klar gewesen dass er nicht der Sohn Gottes ist. Doch Jesus reagiert unerwartet mit einer Gegenfrage. Er fragt den Mann nach der Antwort. Vielleicht war es der Stolz, der den Mann antworten ließ. Vielleicht hat er sich gedacht „Ha, dann kann ich allen zeigen, wie gut ich mich auskenne. Viel besser als dieser Möchtegern-Messias“. Vielleicht war der Mann aber auch einfach perplex und hat darum geantwortet. Auf jeden Fall liefert er eine Antwort und zitiert Mose „Du sollst den Herrn, deinen Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit deiner ganzen Kraft und alle deinen Gedanken lieben. Und: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.
Tja das war wohl nicht so ganz das was der Mann erwartet hatte. Der erste Teil war für ihn sicher recht einfach. Er hatte ein Gesetz mit den 10 Geboten wo niedergeschrieben war, wie man Gott „lieben“ soll. Das konnte man einhalten – oder sich zumindest nicht erwischen lassen – und dann stand man gut da und hatte ein klar messbares Ergebnis. Zumindest war so sein Verständnis. Mit dem zweiten Teil hatte der Mann so seine Probleme. Dies zeigte sich relativ schnell als er versucht sich aus der Affäre zu ziehen. Jesus hatte hier wohl einen wunden Punkt erwischt. Vielleicht kannte der Mann jemanden, der eigentlich Hilfe brauchte aber er wollte ihm nicht helfen. Darum versucht er sich mit einer Gegenfrage aus der Affäre zu ziehen. „Wer ist denn mein Nächster?“. Wie sollte Jesus darauf antworten? Auch diese Frage war brisant, war Israel doch von den Römern besetzt. Wenn Jesus jetzt gesagt hätte, alle Menschen sind dein Nächster hätte er möglicherweise den Zorn des Volkes auf sich gehabt, weil das ja auch die Römer eingeschlossen hätte. Darum antwortet Jesus mit der Geschichte von dem Samariter. Und nachdem er geendet hatte fragt er den Mann, wer denn nun der Nächste für den überfallenen Mann gewesen sei. Da dies offensichtlich ist, gibt der Mann auch die richtige Antwort, nämlich derjenige welcher dem überfallenen geholfen hat. Jesus sagt ihm daraufhin, dass es genauso handeln soll. Und damit endet die Überlieferung.
Die Geschichte lässt mich nicht so richtig los. Weniger wegen der taktischen Scharmützel die sich Jesus und er Mann geliefert hatten sondern mehr weil sie mir so gut bekannt vorkommt. Jesus hat in dem Fall alles sehr extrem dargestellt. Es gibt einen Überfall auf einen Mann, dem Juwelier. Dann kommen zwei sehr fromme Leute dazu, nämlich der Pastor und der Küster und ausgerechnet die kümmern sich überhaupt nicht um den Mann. Und zum Schluss kommt die Rettung von einem Mann der mehr zum Abschaum gehörte als irgendwie ein Mitglied der Gesellschaft war. Durch diese extremen Positionen wird aber auch leicht klar, was Jesus gemeint hat. Er wollte sicher nicht pauschal über alle Pastoren oder Küster urteilen und auch nicht alle Obdachlosen als gute Menschen hinstellen. Er wollte einzig und allein auf die Frage eine Antwort geben „Wer ist mein Nächster“. Darum dreht sich die Geschichte und ich denke es ist uns allen klar, dass jeder der unsere Hilfe braucht der „Nächste“ ist. Damit kann man die Geschichte auch ziemlich einfach in den eigenen Alltag übertragen. Auf der Arbeit ist mein Nächster vielleicht ein Kollege der ein Problem hat und mit einer Frage zu mir kommt. Im meiner Freizeit ist mein Nächster ein Freund der meine Hilfe benötigt. Und im Alltag ist es vielleicht einfach ein Tramper der am Straßenrand steht und meine Hilfe wünscht. Mir ist es aber auch schon oft gegangen, das man jemanden sieht der Hilfe benötigt und man trotzdem weiter geht. Ein Phänomen ist, dass man in der Anwesenheit vieler Menschen möglicherweise keine Hilfe bekommt, während dies der Fall ist, wenn nur eine Person anwesend ist. Populäres Beispiel ist hier der Fall wo der Mann in München in der U-Bahn von zwei Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde während andere Menschen darum nicht eingegriffen haben. Jeder hat gedacht „Soll ich jetzt helfen, oder doch der neben mir?“ und am Ende hat niemand geholfen. Zum Glück ist das aber nicht immer so auch wenn es in dem Fall sehr tragisch ausgegangen ist. Doch es ist dort etwas zum Vorschein gekommen, was mich zu diesem Artikel inspiriert hat. Nämlich die Tatsache das wir und da schließe ich mich mit ein, wahre Weltmeister im Wegschauen sind. Wir treffen jemanden der Hilfe brauch und schauen schnell weg oder noch schlimmer nehmen dies gar nicht wahr. Wie oft ist es mir schon passiert, dass ich beispielsweise schlechte Laune hatte und darum völlig übersehen hatte, dass jemand meine Hilfe braucht und dann war ich wieder enttäuscht, weil in einer anderen Situation mir niemand geholfen hatte. Dabei hat dies vielleicht überhaupt niemand bemerkt oder ich habe durch meine „Laune“ die anderen vergrault. Der Pastor und er Küster in der Geschichte sind so Wegschau-Profis. Die können meisterhaft in eine andere Richtung schauen. Wo es einem schlecht geht, wechseln sie schnell die Straßenseite und bewundern die idyllische Landschaft oder machen schnell dass sie weiter kommen. Andersherum bin ich mir sicher, dass sie die allerersten waren die sich beschwerten, wenn niemand bemerkte, dass sie in einer schwierigen Situation sind. Sie waren einfach zu egozentrisch und damit sind wir beim eigentlichen Problem was den Menschen und die Gesellschaft charakterisiert.
Jeder Mensch ist egoistisch und denkt zunächst an sich selber. Bekannt ist ja auch das Sprichwort „Jeder ist sich selbst der Nächste“. Das funktioniert auch wunderbar, wenn man nicht auf Hilfe angewiesen ist. Wenn man beispielweise über genügend Geld oder Freunde verfügt, die einen unterstützen und man scheinbar alles hat was man benötigt. Dann kann man sich nur um sich selbst kümmern und seine eigenen Träume ausleben. Doch lasst uns doch mal den Spies umdrehen. Was passiert mit einer Gesellschaft, in der alle so denken? Was passiert wenn jeder sich nur noch um sich selber kümmert? Klar wie haben heute viele staatliche Organe, die das schlimmste verhindern. Man hat Harz IV, verschiedenste Versicherungen usw. und ist eigentlich überhaupt nicht mehr auf andere Menschen angewiesen. Doch was ist mit einer Situation wie in der U-Bahn? Mit einem beherzten Eingreifen der Passanten würde der Mann wohl noch leben und das soll jetzt kein Vorwurf an die Passanten sein. Sind wir nicht auch froh, wenn uns jemand hilft nachdem wir uns verfahren haben? Klar man kann sich auch einfach ein Navi kaufen und schon ist man ein Stück unabhängiger geworden. Oder wenn man beispielsweise umzieht, ist das da nicht gut wenn man Freunde hat, die einen unterstützen? Klar kann man natürlich auch die Umzugsfirma beauftragen und Geld für das gleiche bezahlen. Man kann alles sich irgendwie erkaufen und wir sind immer mehr unabhängig. Zumindest glauben wir das. Wir haben unsere heile Welt in der wir uns befinden und der Rest interessiert uns nicht. Doch wie zerbrechlich ist das alles? Wie schnell kann es sein, dass wir in so einer Situation sind. Ein Unfall gefolgt von Berufsunfähigkeit und schon ist es vorbei mit der großen Kohle oder ein Börsencrash und auf und davon sind die ganzen Euros. Und dann? Dann sind wir plötzlich jemand, der Hilfe braucht und woher soll die kommen wenn die welche sie geben könnten einfach wegschauen? Wenn die wo einem helfen sollten sich einfach in ihrer heilen Welt verstecken und gar nicht wahrnehmen, dass da jemand ist der Hilfe braucht. Oder noch schlimmer, was ist wenn die welche mir Hilfe geben könnten, die gar nicht wollen weil ich plötzlich zum Abschaum geworden bin? Man merkt hier, dass viele um nicht zu sagen alle biblischen Prinzipien auf einer mehr globalen Betrachtung basieren. Was wäre wenn alle „reichen“ Menschen anfangen würde einen kleinen Teil ihres Vermögens den Menschen zu geben die heute nicht wissen, was sie morgen essen sollen? Wenn nicht Gewinnmaximierung und Dividende das schalten und walten der Konzerne beeinflussen würde. Wenn du und ich anfangen würden uns auch um die Menschen um uns herum zu kümmern? Ich bin mir sicher, dass wir eine deutlich bessere Welt hätten in der alle keinen Mangel leiden würden.
Vielleicht denkst du jetzt an Hilfsorganisationen und Spenden. Ein versteckter Spendenaufruf der versucht dir deine ohnehin schon wenigen Euros aus der Tasche zu ziehen. Vielleicht fallen dir mindestens zehn andere ein, die so viel Geld bekommen dass sie locker mal die Tasche aufmachen könnten und nicht du gefragt bist. Doch heute geht es um dich und mich. Ich will dich nicht dazu aufrufen zu spenden, auch wenn das sicher eine gute Sache ist. Ich möchte dich ermutigen, durch die Welt mit offenen Augen zu gehen und den Mut aufzubringen dort anzupacken wo andere deine Hilfe gebrauchen können. Das tut den anderen gut und gibt dir selber auch ein schönes Gefühl und wer weiß, vielleicht entsteht darauf ja auch noch eine Freundschaft über die du später sehr froh bist.
Sei ein Hingucker und lass dich gebrauchen und fang am besten heute damit an.

 

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